Warum Terrorunterstützer und Berlins Unterwelt sich auf der Siegesfeier der Linken zu Hause fühlten
DIE TÜR, DIE SICH VON SELBST ÖFFNETE
Hinterher will sie immer niemand eingeladen haben.
Das ist das alte Ritual: ein paar schwarze Schafe, einige flüchtige Bekannte, ein bedauerliches Missverständnis und eine Tür, die sich offenbar ganz von allein geöffnet hat.
Meinetwegen.
Aber eine Tür sendet keine politischen Signale aus. Das besorgt der Raum dahinter.
Berlins Linke hatte nach der Wahl allen Grund zum Feiern. Sie durfte dabei allerdings erneut erfahren, dass Siegesfeiern keine hermetisch abgeschlossenen Räume sind. Sie wirken wie Magnete. Sie ziehen Menschen an, die eine Gelegenheit schneller wittern als eine Ideologie und eine Atmosphäre erkennen, noch bevor sie den ersten Slogan gelesen haben.
Für die heftigste Kritik sorgte die Anwesenheit zweier Männer: Issa Remmo aus dem Berliner Clanmilieu und Ibrahim Ibrahim, der in der öffentlichen Berichterstattung wiederholt mit PFLP-nahen Aktivitäten in Verbindung gebracht wird.
Vertreter der Partei erklärten, Remmo sei nicht eingeladen gewesen und nach seiner Identifizierung hinausbegleitet worden.
Das mag stimmen.
Es ist nur nicht der entscheidende Punkt.
WENN EIN RAUM VERTRAUT WIRKT
Der entscheidende Punkt ist einfacher – und hässlicher.
Menschen erscheinen nicht ausschließlich deshalb in einem politischen Raum, weil dessen Tür geöffnet ist. Sie erscheinen, weil ihnen der Raum vertraut vorkommt. Oder zumindest, weil sie erwarten, dass dort niemand frühzeitig die richtigen Fragen stellt – laut, deutlich und unüberhörbar.
Darin zeigt eine politische Kultur ihr wahres Gesicht.
Nicht in der Presseerklärung nach dem Skandal.
Nicht in der nachträglichen Versicherung, jemand sei nicht eingeladen gewesen.
Sondern in der Selbstverständlichkeit, mit der die falschen Leute annehmen, sie gehörten dazu.

Warum betrachteten ausgerechnet diese Männer die Siegesfeier der Neuköllner Linken als einen Ort, an dem sie sich politisch zu Hause fühlen könnten?
Diese Frage lässt sich nicht beantworten, indem man auf den Eingang zeigt.
MANCHMAL WECHSELT DER APPARAT NUR DIE KRAWATTE
Auch hier gilt ein alter ostdeutscher Reflex: Ein Slogan lässt sich austauschen, ein Logo neu gestalten und ein Apparat mit einem anderen Namen versehen. Anschließend versichert er feierlich, nun etwas vollkommen Neues und Sauberes geworden zu sein.
Manchmal stimmt das.
Manchmal hat der Apparat lediglich die Krawatte gewechselt.
Wer wirkliche Parteidisziplin erlebt hat, kennt den Unterschied. Nicht jeder Mensch in einem Raum ist deshalb automatisch ein Komplize. Aber jedes politische Milieu hinterlässt einen Geruch.
Und manche Räume tragen ihn wie ein Parfüm.
DREI UNTERWELTEN
An diesem Abend begegneten sich in einem politischen Raum zwei Unterwelten:
die kriminelle Unterwelt Berlins und die ideologische Unterwelt des internationalen Terrorismus.
Unter diesem Raum liegt jedoch noch ein älteres Kellergeschoss: die politische Unterwelt des SED-Staates – jener Ort, an dem Überwachung, Einschüchterung, sprachliche Verschleierung und organisierte Verleugnung einst zu einem Herrschaftssystem ausgebaut wurden.
Ich behaupte nicht, dass die Stasi diese Männer koordiniert.
Ich sage, dass mir die Architektur bekannt vorkommt.
Der Skandal besteht deshalb nicht allein darin, wer durch die Tür gelangte.
Der Skandal besteht darin, was diese Männer hinter der Tür wiedererkannten.
„Nicht eingeladen“ ist nicht die abschließende Antwort.
Es ist die erste Frage.
Ein Pförtner verschickt keine politischen Signale.
Das besorgt gewöhnlich das Milieu hinter der Tür.
Autor: David Stern
