EPISODE 10 - SO BAD WASN'T IT (DE)
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So schlimm war es nicht: Der Mann mit dem Mikrofon und der tröstliche Mythos ostdeutscher Expertise

Ein Leitartikel darüber, wie vermittelte Distanz zur Autorität werden kann – und wie Überlebende gezwungen werden, das zu beweisen, was andere zu Content gemacht haben.

Wenn die Geschichte besser bezahlt als die Wunde

Ein junger westdeutscher Korrespondent filmt in den 1980er-Jahren Punks auf dem Alexanderplatz. Er sieht Gorbachev einmal, aus der Ferne, bei einem Staatsbesuch. Das reicht, um ihn jahrelang zum Mann zu machen, der den Osten versteht.

Der Trick ist nicht, dass er offen lügt. Der Trick ist effizienter. Er stellt die Fragen, die das Band am Laufen halten. Er kürzt die Antworten, die das Tempo bremsen. Er macht aus staatlicher Gewalt eine Szene mit menschlichen Kanten und nennt das Ergebnis dann Nuance.

So baut man eine Karriere: nicht immer, indem man Fakten verfälscht, sondern indem man sie so anordnet, dass sie den falschen Leuten nicht mehr wehtun.

Der Trost der Distanz

Der Osten wird in kleinen, mietbaren Stücken lesbar: eine Straßenszene, ein berühmtes Gesicht, ein bisschen Angst, ein bisschen Ironie. Daraus wird ein Buch gemacht. Aus dem Buch entsteht Expertenstatus. Aus Expertenstatus werden mehr Bücher, mehr Panels, mehr Reden über die Ruinen. Der Mann mit dem Mikrofon kehrt immer wieder zurück als Führer durch ein Land, das er vor allem von außerhalb seines Schmerzes zu erzählen gelernt hat.

Währenddessen sitzt irgendwo anders ein ehemaliger politischer Gefangener über einem Antrag auf Entschädigung und wird gebeten, die Verletzungen der Vergangenheit mit bürokratischer Präzision zu rekonstruieren. Nach deutschem Recht können Opfer politisch motivierter Freiheitsentziehung in der ehemaligen DDR Rehabilitierung und – je nach Fall – Hilfe oder Entschädigung beantragen; den Rahmen gibt es, weil der Staat irgendwann einräumen musste, dass politische Verfolgung kein Missverständnis war. Aber Anerkennung auf Papier erledigt nicht die Arbeit des Erinnerns. Die Last bleibt bei der Person, die eingesperrt wurde, nicht bei der Person, die das System später bei Kaffee oder im Fernsehen erklärt hat.

Und ja, der Vergleich ist hässlich. Er sollte es sein. Der eine wurde dafür belohnt, den Osten zu erzählen. Der andere soll erneut beweisen, was der Osten ihm angetan hat.

Was der Osten bedeuten durfte

Das Strafrecht der DDR bestrafte nicht nur Verbrechen; es disziplinierte Kontakt. § 219, der Tatbestand der ungesetzlichen Verbindungsaufnahme, konnte gegen Menschen eingesetzt werden, die sich auf nicht vom Staat gebilligte Weise nach Westen streckten. Das Regime behandelte solchen Kontakt als politisches Risiko, nicht als gewöhnliches Gespräch. Das ist der Hintergrund der Geschichten, die später in cleveres Fernsehdeutsch und ausbalancierte retrospektive Prosa gewaschen werden.

Darum nervt die polierte Pose des allwissenden Ostexperten so sehr. Er muss das System nicht leugnen. Er muss es nur so klingen lassen, als hätte man damit fast leben können – wenn man nur genug Distanz, genug Zugang und das richtige Mikrofon gehabt hätte.

Aber der Osten war keine Stimmung. Er war ein Ort, an dem manche beobachteten und andere beobachtet wurden. Dieser Unterschied zählt bis heute.

Wenn Erzählung zum Schutzschild wird

Das Problem ist nicht das Erinnern. Das Problem ist die Bequemlichkeit. Wenn eine Karriere auf selektiver Zeugenschaft aufgebaut ist, wird der Zeuge zur Marke, und die Marke beginnt, Verantwortung zu ersetzen. Dann kommt der alte Satz im Gewand der Weisheit zurück: So schlimm war es nicht, oder?

Dieser Satz ist keine Geschichte. Er ist ein Abwehrmechanismus. Und er klingt vor allem für jene plausibel, die ihre Verletzungen nie einem Sachbearbeiter belegen mussten.

Autor: David Stern

  • Gesetz über die Entschädigung für Strafverfolgungsmaßnahmen (StrEG), § 16a — gesetze-im-internet.de
  • Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands, Art. 17 — gesetze-im-internet.de
  • Gesetz über Hilfsmaßnahmen für Personen, die aus politischen Gründen außerhalb der Bundesrepublik Deutschland in Gewahrsam genommen wurden (Häftlingshilfegesetz), § 4 — gesetze-im-internet.de
  • Gesetz über eine Stiftung für ehemalige politisch Verfolgte (StepVG), § 2 — gesetze-im-internet.de
  • Bundesarchiv: „Anonyme Briefe an die BBC“ — bundesarchiv.de
  • Bundeszentrale für politische Bildung: APuZ / DDR-Strafrechtliche Einordnung von § 219 und § 220 — bpb.de
  • Bundesarchiv publication on DDR justice and § 219 — bundesarchiv.de

Redaktioneller Hinweis

Historische Aussagen wurden, soweit
erforderlich, quellenbasiert eingeordnet.
Künstlerische Aussagen beruhen auf der
redaktionellen Interpretation des Werkes.

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