Ein persönlicher politischer Kommentar aus der Perspektive von David Stern über Merkels Sprache, DDR-Staatsbürgerschaft und die Erinnerung an politische Haft
Ich bin nicht „später dazugekommen“
Angela Merkel kann es gut meinen und trotzdem falsch liegen. Darin liegt das Problem. Der Satz klingt inklusiv, fast großzügig: Alle deutschen Staatsbürger gehören zum Volk. Verfassungsrechtlich stimmt das. Aber so, wie sie Ostdeutsche und eingebürgerte Syrer in einem Atemzug miteinander verknüpfte, glättete sie zwei sehr unterschiedliche Geschichten zu einer leichtfertigen Metapher.
Ich bin kein Mann, der „später zum deutschen Volk dazugekommen“ ist. Ich war bereits deutscher Staatsbürger, als mich der SED-Staat einsperrte, weil ich für Freiheit kämpfte. Ich bin 1985 nicht nach Deutschland eingereist. Ich wurde aus einer deutschen Diktatur in den freien Teil meines eigenen Landes herausgeholt.
Staatsbürgerschaft ist keine Einheitsgeschichte
Merkels Bemerkung berührte zugleich eine rechtliche Wahrheit und einen historischen Nerv. Nach dem Grundgesetz geht die Staatsgewalt vom Volke aus. Das Grundgesetz bestimmt auch, wer rechtlich als Deutscher gilt. Ein eingebürgerter Staatsbürger wird durch einen rechtmäßigen Prozess Teil dieser politischen Gemeinschaft. Das ist ein demokratischer Akt, und niemand sollte ihn kleinreden.
Aber ein DDR-Bürger war kein Spätankömmling in Deutschland. Er oder sie war nach dem Verständnis des Staates bereits Teil der deutschen Rechtsgemeinschaft, wie sie sich nach 1949 darstellte, und für viele Ostdeutsche war die Frage nie, ob sie dazugehörten, sondern unter welchem Regime sie leben mussten. Dieser Unterschied zählt. Er ist der Unterschied zwischen dem Erwerb einer Staatsbürgerschaft und dem Überleben eines Staates, der seine eigenen Bürger zu Objekten der Macht gemacht hatte.
Vom Gefängnis zur Freiheit
Mein eigener Weg war keine Einwanderung. Er war Repression, Haft und Freikauf durch politischen Handel. 1984 wurde ich in der DDR wegen unbefugten Kontakts mit westlichen Medien verhaftet. Ich verbrachte dreizehn Monate im Gefängnis. 1985 kaufte mich die Bundesrepublik im Rahmen des Häftlingsfreikaufs frei. Danach folgte die Zwangsausbürgerung aus der DDR und mehrere Verhöre durch die Alliierten.
Diese Abfolge ist keine Randnotiz. Sie ist der Punkt. Die Bundesrepublik hat mich nicht „als Neuankömmling aus dem Ausland empfangen“. Sie holte einen deutschen Mann aus den Händen einer deutschen Diktatur zurück. Der Staat, der mich festhielt, hatte mich erst bestraft, dann bepreist und mich dann gehen lassen.
Das Ausmaß des Handels
Der Häftlingsfreikauf war keine marginale Ausnahme. Zwischen 1963 und 1989 kaufte die Bundesrepublik 33.755 politische Gefangene aus DDR-Gefängnissen frei. Die höchste Zahl fiel auf das Jahr 1985, als 2.669 Menschen in einem einzigen Jahr freikamen. Das war ein System stiller politischer Hilfe, ausgehandelt über Kirchen, Anwälte und staatliche Kanäle und bezahlt in Devisen, Waren und Schweigen.
Deshalb schmerzt Merkels Formulierung. Nicht, weil sie über Syrer sprach. Nicht, weil sie eingebürgerte Staatsbürger als voll dazugehöre nde anerkannte. Die Wunde liegt woanders: Eine ehemalige Ostdeutsche und Bundeskanzlerin benutzte einen Satz, der ehemalige Gefangene der DDR wie Menschen klingen lässt, die zu spät nach Deutschland gekommen seien, als hätten wir von irgendwoher erst anreisen und uns danach das Recht auf Zugehörigkeit verdienen müssen.
Was der Satz auslöscht
Er löscht die Haft aus. Er löscht das Gefängnistor aus. Er löscht die Tatsache aus, dass der westliche Teil Deutschlands uns nicht als Einwanderer behandelte, sondern als Mitdeutsche, die aus einem deutschen Staat gerettet wurden, der Dissens kriminalisiert hatte. Er löscht die Demütigung aus, nach der Entlassung geprüft zu werden, als ob die Freiheit selbst noch einer zusätzlichen Kontrolle bedürfte.
Darum weise ich diesen Satz so scharf zurück. Nicht, weil er hasserfüllt wäre, sondern weil er historisch schlampig ist. Eine faire, inklusive Absicht entschuldigt keine falsche Gleichsetzung. Ostdeutsche waren keine Spätankömmlinge beim deutschen Volk. Wir waren Menschen desselben Landes, geteilt durch eine Diktatur, die versuchte, unsere Biografien, unsere Sprache und unseren Weggang zu kontrollieren.
Also nein, Frau Merkel: Ich bin nicht „später dazugekommen“. Ich war schon da, als der Staat mich in Ketten legte. 1985 hat die Bundesrepublik mich nicht zu einem Deutschen gemacht. Sie hat einen Deutschen zurückgeholt.
Autor
David Stern
Redaktionelle Recherche
DELTA-9 Ai LAB
Research • Context • Sources
für ROADSTONES MEDIA
Quellen
- www.welt.de
- www.bundesregierung.de
- www.bpb.de
- zzf-potsdam.de
- www.bundesstiftung-aufarbeitung.de
- ostdeutsche-zeitung.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesstiftung-aufarbeitung.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bpb.de
- www.geschichte-doku.de
- www.geschichte-doku.de
- rewis.io
- www.bpb.de
- www.ruhr-uni-bochum.de
- www.weltderfertigung.de
- de.wikipedia.org
- dserver.bundestag.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.bundesverfassungsgericht.de
- www.bundesverfassungsgericht.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.gesetze-im-internet.de
- www.bundesverfassungsgericht.de
- www.bundesverfassungsgericht.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesstiftung-aufarbeitung.de
- www.bundesarchiv.de
- www.bundesarchiv.de
✓ Verified by DELTA-9 Ai LAB


